Wir wünschen unseren Mitglieder, Freunden und Gönnern eine besinnliche Advendszeit, ein schönes Weihnachtsfest und ein gesundes, an Kultur reiches Jahr 2019  

Weihnachtsgeschichte 2018
Der Geiger von Paris
Peter Schneiderhan

P. Schneiderhan: Paris
Der Geiger von Paris

     Manche Träume und Wünsche ruhen Jahr um Jahr friedlich in ihrem Versteck. Die meisten arrangieren sich irgendwann mit ihrem Schattendasein und verzichten fortan darauf, vielleicht doch noch gelebt zu werden.
  Aber ein paar wenige melden sich immer wieder. Zunächst klopfen sie ganz zaghaft an – nur nichts überstürzen. Finden sie nach mehreren Versuchen immer noch kein Gehör, sind sie durchaus bereit, auch aufdringlicher zu werden, um ihren Weg in die Wirklichkeit zu finden.
   Weihnachten in Paris war ein solcher Wunsch, den ich mir endlich erfüllte…
   Eine knappe Woche durfte ich in der Stadt verbringen, die ich mit Freunden nach dem Abitur schon einmal besucht hatte.
   Ich könnte nun von jenem weihnachtlichen Zauber schwärmen, der sich über ganz Paris gelegt hatte, von den Champs Elysées mit ihren unzähligen beleuchteten Bäumen und Lichterbögen, von den kleinen und größeren Weihnachtsmärkten, von Schlittschuhlaufbahnen, Karussells und dem Riesenrad auf dem Place de la Concorde, von außergewöhnlich geschmückten Kaufhäusern, dem Tour Eiffel, der wie eine Kerze mit wechselnden Farben in den Himmel ragte und vielem mehr.
   Herausgreifen möchte ich jedoch ein Erlebnis, das mich tief berührte, eine Begegnung, die mich zuweilen auch heute noch ein wenig nachdenklich stimmt.
 
   Es liegt schon so viele Jahre zurück und doch erinnere ich mich an jenen kleinen unrasierten Mann mit dem verbeulten Hut, der sich alle Mühe gab, die anderen Metro-Fahrgäste für sein Geigenspiel zu begeistern.
   Er stieg bei Alma-Marceau zu und brachte seinen Körper in eine stabile Haltung, sobald es die in den Wagon strömende Menschenmenge zuließ. Die Türen schlossen sich, und noch während die Metro beschleunigte, setzte er seine Geige an und kratzte mit dem zerzausten Bogen über die verbliebenen Saiten.
   Mit ein wenig Phantasie konnte man aus dem präsentierten Klangkonstrukt eine federleichte Melodie heraushören, die mit dem Rattern des Zugs zwar selten harmonierte, sein Allegro jedoch teilte.
   Doch wer schenkte dem alternden Geiger schon Aufmerksamkeit? Wer machte sich die Mühe, aus der an diesem Ort eher störenden Wolke vermeintlich willkürlich aneinander gefügter Töne die Spur eines Talents herauszufiltern?
   Wie zerbrechlich der Untergrundkünstler wirkte. Seine schmächtige Gestalt steckte in abgetragenen Kleidern. Und diese fahle, welkende Haut – so konnte nur einer aussehen, der sein Leben weit weg von der Sonne verbrachte. Und doch blitzte in seinem ausgemergelten Antlitz hin und wieder ein fernes, lückenhaftes Lächeln auf, wenn er die Umstehenden musterte und seine Gagenwürdigkeit einschätzte.
   Wie lange mochte er dieses rastlose Leben bereits führen? Wäre es nicht erheblich bequemer und gewinnträchtiger gewesen, vor Notre-Dame oder im Jardin des Tuileries und anderen Parks zu musizieren?
   Was hatte diesen Menschen in die Tunnelwelt eintauchen lassen? Welche Ereigniskette verwehrte ihm ein Dasein als gewöhnlicher Bürger?
   War Musik früher vielleicht sein Lebensinhalt, so schien sie heute nur noch seinem Lebensunterhalt zu dienen. Wie viele Münzen musste er sammeln, um über den Tag zu kommen?
   War die Neun seine Linie, die er von früh bis spät bediente, indem er von Wagon zu Wagon hastete und vor ständig wechselndem Publikum seiner abgegriffenen Violine hundertmal dieselbe Weise entlockte? Oder wechselte er je nach Tageszeit und erhofften Einnahmen die Züge?
   Der Musikant fand zu einem schnörkellosen Ende seiner Darbietung, denn die Station Franklin D. Roosevelt war fast erreicht. Es blieben vielleicht noch dreißig Sekunden, ehe die Türen sich wieder öffnen würden, um einen Teil seiner Hörerschaft auf den Bahnsteig zu entlassen.
   Der kleine Mann deutete eine Verbeugung an. Niemand applaudierte. Doch um Applaus ging es schon lange nicht mehr.
   Mit der einen Hand umschloss er Geigenhals und Bogen, während die andere ein speckiges Klappbeutelchen aus der Westentasche fischte. Mit diesem eilte er erwartungsvoll von Mensch zu Mensch und sein Blick sprach nur ein Wort: „Bitte."
   Doch die meisten Reisenden mieden den Blickkontakt und noch mehr verweigerten dem Künstler eine angemessene Gage.
   Den Blick des Geigers werde ich nie vergessen, und doch verharrten damals auch meine Hände in der Jackentasche.
   Ich trat auf den Bahnsteig und ging zur Treppe. Hinter mir schlossen die Türen und der fahrende Musikant setzte seine Geige an…
   Ich stieg hinauf, bepackt mit einem unguten Gefühl, und wünschte, ich hätte wenigstens eine Münze in das Beutelchen fallen lassen. Nur eine Münze als kleine Wertschätzung dafür, dass er wie so viele andere nicht einfach nur herumsaß, ein Schild neben dem Hut, sondern durch die Tunnel der Stadt eilte, mit dem Wunsch, anderen sein Bestes zu geben, um dafür zu erhalten, was er für sein bescheidenes Leben brauchte.
 
   Die frühlingshafte Witterung füllte die Straßencafés. Ich setzte mich auf die Terrasse eines kleinen Restaurants, das wie ein buntes Weihnachtspäckchen dekoriert und mit einer roten Schleife verschnürt war, gönnte mir ein Glas Wein und dachte an den Geiger von Paris, dem ich diese kleine Geschichte widme.
   Meine Hoffnung, ihm in den verbleibenden beiden Tagen noch einmal zu begegnen, wurde leider nicht erfüllt.
  Aber wer weiß – vielleicht stehen wir einander doch noch einmal gegenüber?
 
 Copyright  2018 Peter Schneiderhan
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