O Sternenbaum, o Sternenbaum!

Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch in ein gesundes, von Kultur geprägtes Jahr 2022

Bild: Paul Revellio - Heilige Familie
O Sternenbaum, o Sternenbaum
Heute ist mein großer Auftritt. Auch wenn es nicht mein Ding ist, im Mittelpunkt zu stehen, fühle ich ein aufgeregtes Kribbeln. Ich warte im Wohnzimmer und beobachte durchs Terrassenfenster, wie die Dämmerung allmählich in jene stille, heilige Nacht übergeht. Erste Sterne funkeln durch Löcher in der Wolkendecke. Der Wind frischt auf und schiebt die Wolken sanft beiseite. Wie liebte ich die klaren Nächte, als ich noch bei den anderen im Wald stand. Jetzt ist alles anders. Jetzt ist mein Moment gekommen. Ich betrachte mein Spiegelbild in der Glasscheibe. Fast eine Spur zu üppig, wie mich der Herr des Hauses vergangene Nacht herausgeputzt hat. Er hatte seine Frau gebeten, den Raum ausnahmsweise erst an Heilig Abend zu betreten, gemeinsam mit den Kindern. Der diesjährige Weihnachtsbaum sollte eine ganz besondere Überraschung werden, denn er hatte den eingestaubten Karton mit dem silbernen Baumschmuck seiner Großmutter in der hintersten Ecke des Dachbodens entdeckt. So stehe ich nun an dem mir zugedachten Platz, wie mit Silbersoße übergossen, und bin selbst so etwas wie ein glitzernder Sternenhimmel geworden. Das Lametta fließt an mir herunter wie winzige Wasserfälle, und Kugeln, Zapfen und Glöckchen wetteifern, als gäbe es einen Preis für den schönsten Glanz. Selbst auf die grässliche Christbaumspitze mit dem eingearbeiteten Engelshaar wollte er nicht verzichten. Dabei wäre mir ein einfacher Stern viel lieber gewesen. Aber die bunten Paradiesvögelchen finde ich hübsch, auch wenn bei ihrem Anblick ein wenig Heimweh aufkommt.
„O Tannenbaum, o Tannenbaum…" Ich weiß nicht, wie oft er dieses Lied in den zurückliegenden Stunden vor sich hin gesungen hat. Und ich befürchte, auch die Familie wird mich demnächst gemeinschaftlich ansingen. „O Tannenbaum, o Tannenbaum." Dabei bin ich nur eine Gemeine Fichte, eine Rotfichte. Na gut – manche nennen mich auch Rottanne, die Wissenschaftler sogar Picea abies. Aber das ist mir zu gestelzt. Da ziehe ich dann doch den Tannenbaum vor, wenn es sein muss. Ich lasse die festliche Stimmung im geschmückten Wohnzimmer auf mich wirken. Niemand hat mich gefragt, ob ich diese weihnachtliche Glanzrolle übernehmen will. Und dennoch bin ich hier. In unseren Kreisen munkelt man schon lange, dass so etwas passieren und es jeden treffen kann, meist in jungen Jahren. Sie schlagen uns ab und nehmen uns mit in ihre Stuben. Dabei könnten sie doch wissen, dass auch wir so etwas wie eine Seele haben. Spätestens seit dieser sympathische Förster Bücher über uns schreibt. Diesmal haben sie eben auch mich ausgewählt. Ob das süße Kind, das zu meinem Fuß in der Krippe liegt und dessen Geburt sie heute feiern, eine Wahl hatte? Noch klappert das Geschirr nebenan. Doch immer häufiger fragen Schwesterchen und Brüderchen: „Wann kommt denn endlich das Christkind?" Der Familienvater betritt den Raum, rückt die Päckchen unter meinen Zweigen zurecht und zündet die weißen Wachskerzen in meinem Geäst an. „O Tannenbaum, o Tannenbaum", summt er kaum vernehmbar. Dann löscht er das Deckenlicht, stupst ein Glöckchen an und die Kinder kommen neugierig ins Zimmer. Der Junge bleibt mit offenem Mund stehen. Sein Blick wandert von mir zu den Geschenken und zurück. Er weiß, dass die Familie nun zuerst ein paar Lieder singen wird. Die bunten Päckchen müssen noch ein bisschen warten. „Wie schön der Baum glitzert", sagt das Mädchen. „Wie tausend Sterne." Ein wohliges Gefühl erfüllt mich. Das freut mich jetzt doch sehr.
„Erinnert entfernt an ein Zirkuspferd", raunt die Frau ihrem Mann ins Ohr. „Darf ich?" Er nickt lächelnd, und sie befreit mich von dieser überflüssigen Silberspitze. Sogleich fühle ich mich wohler. Jetzt kann auch ich unbeschwert Weihnachten feiern. as Mädchen stimmt das Lied mit dem O an. Ich werde es ein weiteres Mal geduldig ertragen. Doch dann folgt dem langgezogenen O nicht der erwartete Tannenbaum, sondern ein anderes Wort. „O Sternenbaum, o Sternenbaum", stimmt die Familie ein und ich bin glücklich wie nie zuvor. Nach der Bescherung macht der Vater noch ein paar Fotos von den Kindern und mir. Auch wenn mein Dienst nach dem Weihnachtsfest getan ist, werde auch ich noch eine Zeit lang in der Erinnerung fortleben.
 
Peter Schneiderhan
Veröffentlicht in WEIHNACHTSGESCHICHTEN AM KAMIN 36
Rowohlt Taschenbuch Verlag
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